Bericht von unterwegs: Chartres – Dreux

Mitte Oktober 2021 erkundete ich für drei Tage die Bahnverbindung zwischen den Städten Chartres und Dreux. Die knapp 42 Kilometer lange Bahnstrecke wurde im Jahr 1873 eröffnet. Die Trassenführung war wenig anspruchsvoll, denn das Gelände war überwiegend flach, ohne Täler oder sonstige Hindernisse. Für die Bahngesellschaft führte die dünne Siedlungsstruktur zwischen Chartres und Dreux nach und nach zu einem Auslastungsproblem im Personenverkehr. Im Jahr 1970 wurde daher der Personenverkehr eingestellt und auf die Straße verlagert. Es verblieb nunmehr nur noch der Güterverkehr, der sich hauptsächlich um die Genossenschaften der landwirtschaftlichen Betriebe entwickelte. Auch war die Linie als strategische Verbindung für das Militär interessant. Der mittlere Streckenteil sah schon lange keine Güterzüge mehr (und damit gar keinen Zugverkehr), wurde aber trotzdem nicht abgerissen. Man beließ es dabei diesen Streckenteil regelmäßig freizuschneiden. Jedoch irgendwann gab man auch das auf. Entlang der Bahnlinie entstanden Getreidesilos und Lagerstätten für Dünger. Sieben Firmen hatten einen Gleisanschluß.

Die Netzkarte aus dem Jahr 2020 zeigt die Bahnverbindung zwischen Chartres und Dreux (markiert in der Farbe Rot).

Für viele Jahre wurde die Bahnstrecke nur noch durch eine geringe Anzahl von Getreidezüge befahren. Im nördlich Abschnitt, am Bahnhof Aunay – Tréon, erreichte ein Düngemittelbetrieb ein jährliches Transportvolumen von 140.000t. Für diesen großen Betrieb wurden die nördlichen 8 Kilometer der Strecke elektrifiziert. Fortan konnten die Güterzüge mit elektrischen Lokomotiven direkt bis nach Aunay – Tréon fahren. Im Jahr 2020 endete dieser Gütertransport. Anfang des Jahres 2021 wurde schließlich die elektrische Oberleitung wieder demontiert. Da nun mittlerweile auch alle anderen Silos nicht mehr mit der Bahn beliefert werden, ist die gesamte Strecke auf ihren 42km Länge für den Zugverkehr gesperrt worden. Ihre Zukunft ist ungewiss. Mittelfristig wird wohl eine Stilllegung erfolgen. Irgendwann später werden wir vielleicht einen Radweg auf der Bahntrasse sehen. Zwar gibt es hin und wieder Initiative die Linie für den Personenverkehr zu reaktivieren, aber die Chancen stehen eher ungünstig. Selber nutzte ich das Busangebot zwischen Cartres und Dreux und war mit dem Angebot sehr zufrieden.

Erster Wandertag

Ausgehend von Chartes wanderte ich für drei Tage entlang der Bahnlinie. Leider finden sich entlang der Bahnlinie keine herausragenden Streckenteile oder Bauwerke. So gibt es keine Tunnel oder Viadukte. Oftmals wurde die Bahnstrecke für viele Kilometer ohne Kurve über die flache Landschaft gebaut. Die Bahnhofsgebäude waren nicht sehr groß und sind mittlerweile alle in Privatbesitz. An den Bahnübergängen wurden wie üblich einige der Schrankenwärterhäuser abgerissen.

Der erste Wandertag begann nach der Anreise erst am späten Nachmittag. Jetzt galt es nur noch die ersten Kilometer der Strecke abzugehen, am Ortausgang irgendwo Lebensmittel zu kaufen und dann ein passendes Waldstück zu zelten zu finden.

Der neugestaltete Bahnhofsvorplatz in Chartres.
Bahnübergang Nummer 2 in Chartres.

Bei Bahnübergang Nummer 2 wurden bereits die Schranken entfernt. Das Wohnhaus, das damals für den Schrankenwärter zusammen mit der Bahnlinie erbaut wurde, ist im Jahr 2011 abgerissen worden.

Nördlich von Chartres führt die Bahnlinie auf einer Brücke über die Umgehungsstraße N1154.
Bei Streckenkilometer 4.

Die ersten Kilometer der Linie beginnen bereits relativ langweilig. In zwei Kurven geht es langsam aus Chartres heraus. Dann, nun in der offenen Landschaft angekommen, geht es mit nur wenigen Kurven durch die Landschaft. Das Gleis wächst langsam zu. Überraschend ist, dass die Schienen hier auf Stahlschwellen montiert sind und nicht auf solchen aus Holz. Stahlschwellen sind relativ Wartungsfrei und sehr langlebig.

Zweiter Wandertag

Am Morgen nach Sonnenaufgang war die Landschaft wieder vom Nebel durchzogen.

Wie schon in den drei Tagen vorher, als ich südlich von Rouen nach Elbeuf (siehe hier https://railwalker.de) wanderte, verfolgten mich auch hier sehr neblige Tage. Für meine eigentliche Beschäftigung – das Fotografieren – eher kontraproduktiv.

An einer der Stahlschwellen ist das Jahr der Herstellung zu erkennen. Diese hier stammt aus dem Jahr 1911.
Bahnübergang Nummer 18 in Clévilliers.
Der Bahnhof von Clévilliers. Hinter dem Gebäude liegt das Streckengleis. Ein Silo der örtlichen Agrargenossenschaft liegt direkt am Bahnhof.
Eine kurze Brotzeit in Clévilliers.
Den ganzen Tag über hielten sich der Nebel und später die dichte Wolkendecke. Etwas blauen Himmel wie hier auf dem Bild, gab es nur sehr selten.
Im Bahnhof Saint-Sauveur – Châteauneuf befindet sich ein größeres Silo. Der letzte Zugverkehr muss nun bereits ein paar Jahre in der Vergangenheit liegen.
Am Silo in Saint-Sauveur stehen zwei kleine Dieselloks abgestellt.

Am Bahnhof Saint-Sauveur – Châteauneuf verließ ich die Bahnlinie um einen Abstecher zum nächsten Supermarkt zu machen (ich hatte mich bei den mitgenommenen Lebensmitteln etwas verschätzt). Vier Kilometer hin und vier Kilometer zurück – wird sind ja auf dem Land. Durch diesen zweistündigen Abstecher endete mein 2. Wandertag dann auch schon knappe 2 Kilometer hinter dem Bahnhof von Saint-Sauveur – Châteauneuf. Weit war ich an diesem Tag nicht gekommen. Einen schönen Zeltplatz am Waldrand fand in einem Vallee De Bellevue genannten Tal.

Dritter Wandertag

Wieder musste ich bis 08:30Uhr warten, bis die ersten Sonnenstrahlen in den Wald reichten.

Am dritten Wandertag verließ die Bahnlinie schließlich die etwas öden Ackerflächen. Kurvenreicher ging es nun nach Aunay – Tréon. Die Strecke dorthin dürfte schon viele Jahre nicht mehr von Zügen befahren worden sein. Es war daher umso erstaunlicher, in was für einem guten – oft nur minimal zugewachsenen – Zustand die Bahnlinie war.

Das mit Stahlschwellen ausgestattete Gleis ist stellenweise kaum zugewachsen.
Der auf einem Damm verlaufende Gleiskörper ist mit Herbstlaub gesprenkelt, aber nicht einmal ein Grashalm scheint hier gewachsen zu sein. Die Baumkronen sind bereits deutlich gewachsen und die letzte Zugfahrt muss schon Jahre zurückliegen.
Bahnübergang Nummer 40

Im Wald vor Aunay-sous-Crécy entdeckte ich durch Zufall die Spuren eines kleinen Bahnüberganges, der seit 70 oder mehr Jahren in Vergessenheit geraten ist. Selbst auf den Luftbildern der 1950er Jahren ist der Bahnübergang kaum noch zu erkennen. Die alten Tore, Schilder und Zäune stammen aus den Anfangsjahren der Bahnlinie. Sind also knapp 150 Jahre alt. Der Weg, der im Wald hierher zur Bahnstrecke führte, ist auch kaum noch auszumachen. Am Tor selber ist mittlerweile ein kräftiger Baum gewachsen und läßt es nicht mehr zu, das Tor zu bewegen. Leider ist das blaue Schild mit der Bahnübergangsnummer beschädigt. Die Zahl müßte 44 gewesen sein. Die Schienen die hier als Zaunpfähle das kleine Tor einrahmen, zeigen ein Walzzeichen aus dem Jahr 1867. Die herstellende Firma ist mit „S W“ abgekürzt. Vermutlich steckt ein Stahlwerk der Unternehmerfamilie „de Wendel“ dahinter. Der kleine Fußweg durch den Wald führt auf den letzten Metern mittels eine Treppe zum Bahngleise hinunter. Der Weg war wirklich nur für Fußgänger angelegt worden. Erst durch die Treppe entdeckte ich den früheren Bahnübergang.

Ebenfalls im Wald vor dem Bahnhof Aunay – Tréon entdeckte ich eine alte Fußgängerbrücke direkt neben der Bahnstrecke. Ihr Fundament bestand aus zwei alten Eisenbahnschienen. Früher haben wohl Holzbohlen auf den Schienen gelegen, um eine vollständige Brücke zu formen. Die Holzbretter sind schon lange fort, die beiden Schienen überspannen aber weiterhin den im Oktober 2021 trocken liegenden Graben. Es war nicht einfach an die Walzzeichen der Schienen zu geraten, lagen doch die Schienen in einer Höhe von 2m über dem Boden. Schließlich ließen sich doch noch passable Walzzeichen finden, säubern und fotografieren. Es handelt sich um Schienen aus dem Jahr 1885, gewalzt von einer Firma mit der Kennung „ACIER S & C“ (vermutlich „Schneider & Cie„). Ein solches Unternehmen wurde im Jahr 1836 in Le Creusot gegründet.

Am Bahnübergang Nummer 46 in Aunay-sous-Crécy sind Schranken, Zäune und Verkehrsschilder bereits abgebaut worden. Auf dem Grünstreifen steht nun einsam ein altes Läutewerk.

Im Bahnhof Aunay – Tréon angekommen, erblickte ich die traurigen Reste der elektrischen Oberleitung. Im Jahr 1990 hatte man den 8 Kilometer langen Streckenabschnitt bis nach Dreux elektrifiziert. Das Transportvolumen für die Düngerfabrik hatte jährlich 140.000t betragen. Leider war der Verkehr in den letzten Jahren rückläufig und schließlich ganz eingestellt worden. Da keine Hoffnung auf eine Wiederinbetriebnahme bestand, wurde die teure Ausrüstung (Kupfer) von der SNCF demontiert. Somit konnte ich mir auch noch die restlichen 8 Kilometer bis nach Dreux ansehen ohne mit einem Zug rechnen zu müssen.

Im Bahnhof Aunay – Tréon wurde die elektrische Oberleitung im Laufe des Jahrs 2021 demontiert. Die Oberleitungsmasten wurden an Ort und Stelle gelassen.
Bahnübergang 51 hinter dem Bahnhof von Aunay – Tréon.
Auch im Getreidesilo in Garnay werden keine Züge mehr be,- oder entladen. Die kleine Lok steht seit vielen Jahren ungenutzt auf einem Ausziehgleis.
Auch der Gleisanschluß zum Silo in Garnay war elektrifiziert worden. Das Kupferkabel sammelte die SNCF zwar ein, aber Masten und Ausleger blieben stehen. Nun erobert die Natur die Strecke zurück.

Hinter Garnay entdecke ich im Wald abermals einen seit mehreren Jahrzehnten vergessenen Bahnübergang. Aufmerksam wurde ich hier wieder, als ich die kleine Treppe den Hang hinaufsah. Oben am Ende der Treppe stand im Wald wieder eines der alten Tore, diesmal mit einer Art Umlaufgiffer. Auch hier war in den letzten Jahren die Natur weitergewachsen und hat sich nicht weiter um das kleine Törchen gekümmert. Auf der anderen Seite war der weiter talwärts führende Weg nicht mehr bis zum Ende der Treppe begehbar. Der Wald war hier schon einfach zu dicht. Leider fehlen hier die blauen Schilder, so dass man über die Nummer dieses Bahnüberganges nur mutmaßen kann.

Schließlich erreicht die Bahnlinie von Süden kommend die Vororte von Dreux.
Noch rechtzeitig vor der Einmündung in den Bahnhof von Dreux befindet sich ein Schwellenkreuz im Gleis. Auf der anderen Seite dieses Hindernisses ist das Gleis nicht gesperrt und kann noch von Zügen befahren werden.

Obwohl ich in den drei Tagen meiner Wanderung nicht sehr viel Glück mit dem Wetter hatte und es sich auch um keine besonders sehenswerte Strecke handelt, würde ich mir gerne – wenn die Zeit es erlaub – die Linie bei einem weiteren Besuch im Frühjahr 2022 nochmals ansehen und weiter dokumentieren.

2 Kommentare

  1. Besten Dank lieber Railwalker, deine Berichte sind einmalig und hervorragend, gerade für mich als Freund der französischen Eisenbahnen. Das Sahnehäubchen wäre jetzt wenn du deine Berichte als VIdeo oder PP einstellen würdest. Für deine „Expeditionen“ in Zukunft Gesundheit, Glück und das notwendige „Kleingeld“ damit du noch recht viele „Lost Places“ erforschen kannst.
    MfG Franz Hollube
    Museumseisenbahn Hanau e.V.

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