Bericht von unterwegs: Chartres – Dreux (April 2022 – 2. Teil)

Fortsetzung vom 1. Teil: Bericht von unterwegs: Chartres – Dreux (April 2022)

Am Ortsausgang von Saint-Sauveur macht die Bahnstrecke einen sehr passablen Eindruck: Obwohl hier die letzte Zugfahrt bereits viele Jahre zurückliegt: 2009 befuhr in Unkrautbekämpfungszug die Strecke. An den Bahnübergängen wurde weit gründlicher aufgeräumt: Sämtliche Schilder, Schrankenböcke etc. wurden abgebaut. Die zieht sich bis zum Bahnhof von Aunay – Tréon.
Das Nachtlager für die Nacht auf den 3. April 2022. Etwa auf 10m genau identisch mit meinem Schlafplatz vom Oktober 2021. Der Platz war so gewählte, dass ich morgens direkt die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufs Zelt bekomme. Die lange Unterwäsche und der 2. Schlafsack ließen in der Nacht keine Kälte aufkommen. Wohlweißlich hatte ich meine Wasservorräte mit in den Schlafsack genommen, um am Morgen keine Eisschollen in den Flaschen zu haben.
Der folgende Morgen war direkt von schönem Sonnenlicht geprägt. Noch dick eingepackt mit mehreren Kleidungsschichten ging es wieder zur Bahnstrecke. Ich hatte nur knapp 100m entfernt von den Schienen geschlafen. Die noch tief stehende Sonne ist gerade morgens besonders hilfreich dabei die Walzzeichen auf Schienen und Stahlschwellen abzulichten.
Ausblick über die Stahlschwellen. Sollte es zum Abbau der Strecke für die Errichtung eines Radweges kommen, so fallen hier einige Tonnen Stahlschrott an. Fast die gesamte Strecke ist in dieser Form vorzufinden. Lediglich an Weichen, Brücken und Bahnübergängen sind Holzschwellen zu finden.
Unmittelbar vor und nach den Bahnübergängen wurde auf Stahlschwellen verzichtet. Stattdessen liegen hier sehr ausgemergelte Holzschwellen. Gleislagefehler – wie hier vor Bahnübergang 37 – sind mit dem bloßen Auge zu erkennen.
Obwohl der letzte Güterverkehr Jahrzehnte zurückliegt und der letzte Zug zur Unkrautbekämpfung im Jahr 2009 fuhr, wurden im Frühjahr 2022 (!) die Geländer an der Bahnstrecke erneuert. An zwei Stellen, wo ein kleiner Wasserlauf unter der Bahnlinie hindurchfließt, wurden Fundamente und neue Geländer errichtet.
Ansicht von der Seite: Die Böschung wurde freigeschnitten, das kleine Wasserrohr freigelegt. Oben neben den Schienen wurde auf beiden Seiten ein Geländer aufgestellt: Obwohl hier seit 13 Jahren kein Zug mehr gefahren ist.
Unzählige Gleislagefehler, Bahnübergänge ohne Schilder und Schranken, umgestürzte Bäume, unterspulte Schwellen: Aber im März 2022 wurden neue Geländer aufgestellt.
Rund um die Bahnübergänge sind alte Holzschwellen zu sehen. Ihr Alter ist nur noch schwer zu bestimmen. Ein sicherer Zugverkehr (selbst in Schrittgeschwindigkeit) ist mehr als fraglich.
Einer der schönsten Abschnitte der Strecke. Auf einem Damm in leichter Kurvenlage geht es hier im Sommer / Herbst durch einen grünen Tunnel.

Die drei verschollenen Bahnübergänge

Im Wald Bois des Aises, südlich von Aunay-sous-Crécy existierten drei Bahnübergänge, die bereits seit mehr als 50 Jahren in Vergessenheit geraten sind. Selbst Luftbilder des französischen Kartendienstes zeigen hier schon in den 50er Jahren keine besonders auffälligen Wege mehr. Bei meinen beiden Besuchen habe ich diesen drei Übergängen besondere Aufmerksamkeit geschenkt und intensiv nach Relikten gesucht.

Die drei Übergänge sind auf dieser topografischen Karte eingezeichnet. Die dicke blaue Linie stellt den Verlauf der Bahnlinie darf. Die auf der Karte im Wald gelegenen gestrichelten Wege sind kleine Trampelpfade. Oftmals braucht man etwas Fantasie um diese Wege im Wald zu erkennen. Warum hier auf so dichtem Raume gleich drei Bahnübergänge auf nur 1000m Strecke eingerichtet wurden, ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Nach der Überquerung der Bahntrasse endeten alle Wege kurz danach an zwei parallel verlaufenden Bächen in einer Sackgasse. Meine Vermutung ist ein handbedientes Stauwehr an der Stelle, an der die Bäche le Ravon und la Blaise zusammentreffen. Dies würde immerhin einen der Übergänge erklären. Bei meinen beiden Besuchen lag der Bach le Ravin beide Male trocken.


Bahnübergang Nummer 43

Dieser war schon im Herbst 2021 nicht zu übersehen. Bei meinem zweiten Besuch nahm ich mir etwas mehr Zeit und untersuchte das Gebüsch auf beiden Seiten der Bahnstrecke etwas genauer. Der Weg war breit genug um auch von Fahrzeugen befahren zu werden. Auf beiden Seiten sind die Wege jedoch mittlerweile kaum noch zu erkennen.

Wieder stecken hier Schienenstücke im Boden, wie schon bei anderen Übergängen. Diese sind letzte Reste, die von einem Zaun oder ähnlichem geblieben sind. Ein aufgestelltes Hinweisschild klärt darüber auf, dass der Bahnübergang geschlossen wurde. Man muss sich im Sommer durch dichtes Gebüsch kämpfen, um dieses Schild überhaupt lesen zu können. Der aufgestellte Rahmen, in dem auf einer blauen Fliese die Nummer des Bahnübergangs angegeben war, ist leider leer. Mit meinen Wanderschuhen wühlte ich um Umkreis etwas das Laub auf dem Boden auf und fand tatsächlich kleine blauen Fliesenscherben. Leider zu wenig um das Puzzle zu vervollständigen. Auf der anderen Seite der Strecke tat ich das Gleiche und fand etwas viel Größeres: Unter dem Laub verborgen war ein komplettes ca. 50kg schweres Tor des Bahnübergangs zu finden. Je Seite waren zwei solcher Tore vorhanden. Oftmals gab es ein drittes für den Weg der Fußgänger. In langer Kleinarbeit und mit nach mehreren Versuchen konnte ich das wuchtige gusseiserne Tor wiederaufrichten. Wie viele Jahrzehnte es wohl hier am Boden gelegen hat?


Bahnübergang Nummer 44

Auch Bahnübergang 44 ist eine nähere Betrachtung wert: Der kleine Überweg – ausschließlich für Fußgänger – kündigt sich bereits einige Meter vorher an und ist dabei trotzdem leicht zu übersehen. Es handelt sich um einen kleinen Fußweg, der durch den Wald hinunter zur Bahnstrecke führt. Auf einer Treppe aus Klinkersteinen geht mit mehreren Stufen den Hang zur Bahnlinie hinunter. Nach Überquerung des Gleises geht es auf einer zweiten Treppe nochmals ein Paar Meter vom Bahndamm herunter. Das erste gut sichtbare Anzeichen auf den Bahnübergang ist das oben im Wald aufgestellte kleine Metalltor. Da der Weg bereits in Vergessenheit geraten ist, steht das Tor einfach „mitten im Wald“.

Bei dem Tor handelt es sich um das in Frankreich übliche Design, welches tausendfach an Bahnübergängen zur Anwendung kam. Die beiden begrenzenden Zaunpfähle sind alte Schienenstücke.

Nachdem mehrere Bahnübergänge aufeinander folgend ohne vollständige Nummernschilder angetroffen worden, waren hier zumindest in einer kleinen Ecke noch Bruchstücke der blauen Fliese erhalten: Wir können eindeutig eine Nummer sehen die auf die Zahl 4 endet: Bahnübergang Nummer 44! Auch hier lohnte es sich mit den Schuhen etwas das Laub am Boden wegzuräumen: Mehrere Fliesenscherben auf dem Boden waren schnell gefunden: Nach knapp 150 Jahren ist die blaue Farbe noch gut sichtbar.

Was sollte dieser kleine Bahnübergang an so einer abgelegenen Stelle? Weiter unten führt der Weg am Randes des Bahndammes entlang. Er biegt nach 100m ab und überquerte einen Graben (den Bach le Ravin), der früher wohl mit Wasser gefüllt war.

Die Brücke über diesen Graben ist nur noch in ihren einfachsten Fragmenten zu erkennen: Zwei Schienenstücke sind geblieben. Alle Aufbauten – Bodenbretter und Geländer – sind vollständig verschwunden.

In den vergangenen 6 Monaten ist ein morscher Baum auf die Brücke gefallen. Bei meinem ersten Besuch im Herbst 2021 lag noch kein so dicker Stamm auf den Brückenresten. Eine der beiden Schienen ist am Brückenfundament durch den harten Aufschlag teilweise aus ihrer Führung gerissen worden. Auf den Schienenstegen ist das Walzzeichen der Schienen gut abzulesen. Bereits im Oktober 2021 hatte ich die Walzzeichen zur besseren Lesbarkeit etwas gesäubert: Heraus kam das Herstellungsjahr und das Walzwerk: Gewalzt wurde die Schiene im Jahr 1885 von der Firma Schneider & Cie.

Begrenzende Torpfosten und die aufgestellte Schiene mit den Resten der blauen Fliese: Das eigentliche Tor war leider nicht mehr aufzufinden. In den Sommermonaten sind diese letzten Relikte nur noch schwer auszumachen. Das Foto rechts zeigt den Treppenabgang von der Bahnstrecke hinunter.


Bahnübergang Nummer 45

Auch der folgende Bahnübergang Nummer 45 war aufgelöst worden und bot nur noch wenige Fragmente um seine frühere Existenz zu bestätigen: Das Halterung für die blaue Fliese ist diesmal sogar arg beschädigt worden. Generell stellt sich hier oft die Frage: Hat die schöne Fliese ein Sammler eingesteckt oder liegt sie verdeckt von Laub irgendwo im näheren Umkreis auf dem Boden? Bahnübergang 45 konnte auch von Fahrzeugen befahren werden. Vielleicht haben sich einmal Ackerflächen dort befunden, wo jetzt ein Wald zu sehen ist.

Wieder lohnte es sich am Boden das Laub aufzuwühlen:

Abermals war ein kleines Bruchstück der blauen Fliese im Umkreis von einem Meter um den Torpfosten zu finden. Die große Metallkugel, die diesen Torpfosten schmückte war ebenfalls am Boden zu finden.

So weit zu den drei Bahnübergängen.


Im Bahnhof Aunay – Tréon bei Streckenkilometer 34 sind noch die Reste der elektrischen Oberleitung zu sehen. Der am Bahnhof gelegene Industriebetrieb erhielt früher große Mengen an Dünger. Die Warenlieferungen waren so beträchtlich, dass die SNCF den Streckenabschnitt von hier bis nach Dreux elektrifizierte. Seit einigen Jahren nun ist der Verkehr eingestellt worden und die Oberleitung wurde teilweise demontiert.
Auch einige weitere Nebengleise im Bahnhof Aunay – Tréon wurden mit der elektrischen Oberleitung überspannt.
Für den Betrieb der schweren Güterzüge mit elektrischen Lokomotiven wurde an der Bahnstrecke einiges ertüchtig. Zwar blieb es überwiegend bei den betagten Schienen und ihren Stahlschwellen, aber an den Bahnübergängen und Kunstbauten wurde regelmäßig gearbeitet.
Bei Streckenkilometer 28 befand sich im Wald der kleine Haltepunkt namens Garnay. Der Zugang liegt direkt bei Bahnübergang Nummer 56. Warum dieser so weit abseits gelegene Bahnübergang mit Schranken ausgestattet wurde?
Auch dieser Auffahrt zur Bahnstrecke mündete mal in einen Bahnübergang.
Bis nach Dreux folgen nur noch wenige interessante Stellen. Hier, gegenüber vom Sportplatzes am Stadtrand von Dreux, ist der Zustand der Holzschwellen wiedermal mehr als abenteuerlich.
Kurz vor dem Bahnhof von Dreux ist an diesem Schwellenkreuz Schluß mit der Streckenwanderung.

Fazit: Es war schön die Strecke nach meiner Reise im Herbst 2021 nur knapp 6 Monate später erneut nach Chartres zu reisen. Das Wetter spielte (trotz der kalten Nacht) wesentlich besser mit als noch im Herbst. Gerade die Nachforschungen zu den aufgelassenen Bahnübergängen waren ein kleines Highlight. Ab November 2022 werde ich mich intensiver mit den gesammelten Fotos beschäftigen und eine schöne detaillierte Streckenbeschreibung ausarbeiten 🙂

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