Bericht von Unterwegs: Châteaudun – Patay

Bei anfänglich gutem Wetter machte ich mich am 4. April 2022 auf den Weg die 29 Kilometer lange Bahnlinie zwischen Châteaudun und Patay zu erkunden.

Die SNCF Netzkarte vom April 2020 ist nun bereits 2 Jahre alte und eine neue Karte läßt weiterhin auf sich warten. Mit dem Stand vom April 2020 soll es noch Güterverkehr zwischen Châteaudun und Lutz-en-Dunois, sowie Patay und Péronville geben: Angeblich!

Das Wetter sei deswegen erwähnt, da die letzten Tage eine kleine Herausforderung waren. Noch bei meinem Start am 27. März waren mehrere Tage mit Temperaturen um die 20°C ins Land gegangen. In der Hoffnung, dass dies so bliebe und der Winter vorbei sei, machte ich mich auf die Reise. Nicht eingeplant – oder zumindest etwas unterschätzt – hatte ich den launischen April, der gerne macht was er will.

Mit der Aussicht auf sinkende Temperaturen des Nachts bis -3°C musste ich umdisponieren und durch zusätzliche Kleidung und einen zweiten Schlafsack „aufrüsten“. Zumindest die Minusgrade in der Nacht bereiteten mir nun keine Probleme mehr. Eine wichtige Komponente blieb aber auch das Wetter und leider waren hier einige Regentage zu vermelden. Auch bei meiner Wanderung nach Patay hätte es gerne mehr Sonnenschein geben können.

Der Bahnhof von Châteaudun an der Achse nach Tours wurde 1865 eröffnet.
Bei meinem Besuch konnte ich das klimpern der Drähte hören, als ein Mitarbeiter der SNCF im Stellwerk die Formsignale bediente. Technik wie vor 150 Jahren.

Nachdem die Netzkarte der SNCF behautet, auf der Strecke gäbe es an beiden Enden noch Güterverkehr, machten mich die Luftbilder von Google Earth und die Street-View Aufnahmen etwas stutzig: Hier waren rostige Schienen und eine sich langsam ausbreitende Vegetation unübersehbar. Ein guter Anlaß sich vor Ort nach dem tatsächlichen Zustand zu erkundigen.

Knapp einen Kilometer hinter dem Bahnhof von Châteaudun warf ich einen ersten Blick auf das Streckengleis nach Patay (erstes Gleis im Vordergrund): Sieht nicht so aus, als ob hier kürzlich ein Zug gefahren sei.

Die Bahnverbindung von Châteaudun nach Patay ist eine Fortsetzung der Bahnstrecke aus Courtalain – Saint-Pellerin nach Châteaudun. Insgesamt war die Linie 47 Kilometer lang. Planungen für eine Bahnverbindung zwischen den genannten Orten gehen bis in das Jahr 1871 zurück. Mit den erforderlichen Gesetzen und und Konzessionen dauerte es schließlich bis in das Jahr 1883, als am 2. April die Linie eröffnet wurde.

Die Konzession für den Betrieb war an die Firma „Cie du chemin de fer d’Orléans à Rouen“ erteilt worden, die jedoch noch vor der Eröffnung insolvent ging. Es übernahm die staatliche Gesellschaft „État“ die oftmals in solchen Situationen einsprang. Unter der Verwaltung der État wurde die Linie schließlich gebaut und eröffnet. Im 1938 wurde die Linie mit der État in die neue staatliche SNCF überführt, vielen anderen privaten Eisenbahngesellschaften ging es ähnlich. Der ländliche Raum muss bereits früh zu einem Defizit im Personenverkehr geführt haben, denn schon im Jahr 1939 wurde der Personenverkehr eingestellt.

Der erste Bahnübergang hinter Châteaudun: Die entfernten Schranken machen deutlich, dass die Bahnlinie nicht mehr betriebsbereit ist. Der letzte Zugverkehr fand wohl im Jahr 2019 statt.

Nachdem ab 1939 nur noch Güterzüge auf der Linie fuhren, bildete sich in den Folgejahren ein neues Geschäftsfeld durch die Getreidesilos der Genossenschaften. Entlang der Bahnstrecke entstanden in den 60er Jahre mehrere Getreidesilos, die ihre Fracht mit der Bahn verschickten. Knappe 2 Kilometer hinter Châteaudun kamen noch 4 weitere Betriebe mit Gleisanschluß hinzu und bei Patay erhielt ein Steinbruch ein Anschlußgleis.

Hinter Châteaudun befanden sich in einem langen Gleisbogen mehrere Anschlußweichen. Bei meinem Besuch im April 2022 waren diese Weichen bereits alle ausgebaut worden.
Kurze hinter Châteaudun: Wie auf französischen Nebenbahnen oft üblich, wurde hier bis zuletzt auf den alten Stuhlschienen gefahren. Eigentlich sollte diese Schienenform ab Ende der 1930er Jahre nicht mehr neu verbaut werden und damit bald verschwunden sein. Eigentlich.
Die wirkliche Überraschung erfolgte jedoch rund drei Kilometer von Châteaudun entfernt: Von hier ab bis zum 26 Kilometer entfernten Bahnhof Patay besteht das Gleis nahezu vollständig aus den allerersten Schienen, wie sie im Jahr 1883 verlegt wurden!
Über 26km weit erstreckt sich die Wanderung am Gleis wie der Gang durch ein Museum. Noch nie hatte ich auf so einer langen Strecke zusammenhängend so viele alte Schienen gesehen. Die Herstellungsjahre der Schienen liegen laut den am Schienensteg lesbaren Walzzeichen zwischen 1881 und 1883. An der Herstellung waren die namhaften Walzwerke Creusot, Denain und St. Nazarie beteiligt.
Ausblick von der Brücke der N10 Umgehungsstraße auf die Bahnlinie in Fahrtrichtung Patay
Exemplarisch ist hier eines der Schrankenwärterhäuser zu sehen. Einige der Häuser wurden bereits abgerissen und nicht alle noch verbliebenen sind in einem guten Erhaltungszustand
Bei Bahnübergang 26 ist noch heute ein 3Km langes Anschlußgleis zum Militärflughafen „Base aérienne 279 Châteaudun“ zu sehen. Die verbindende Weiche wurde ausgebaut, aber die Schienen liegen noch gut sichtbar bis zum eingezäunten Bereich.
Am Bahnhof Lutz-en-Dunois befindet sich das Getreidesilo, welches noch bis 2019 von Güterzügen angefahren wurde. Die Strecke über Lutz-en-Dunois hinaus wird seit 2008 nicht mehr befahren
In Lutz-en-Dunois wurde eine eigens hinterstellte Diesellok dazu genutzt, die Wagen zu rangieren. Im April 2022 stand die Lok weiterhin arbeitslos herum. Sie ist der Witterung ausgesetzt auf einem Abstellgleis gleich bei Bahnübergang Nummer 28 geparkt worden.
Das Gleisfeld in Lutz-en-Dunois ist eher traurig anzusehen. Langsam breitet sich die Natur aus und erobert die Fläche zurück. Mit dem schönen Sonnenlicht war es hier spätestens auch vorbei. Vier Tage Wolken und Regen waren die Folge.

Nachdem der Zugverkehr schon länger nicht mehr über den Bahnhof Lutz-en-Dunois hinaus erfolgt ist, war abzusehen wie hier die weiteren Kilometer der Bahnlinie aussehen. Bis zum Steinbruch bei Patay sind ganze 14 Kilometer der Bahnlinie in einem äußerst bemitleidenswerten Zustand. Weder die SNCF kümmert sich um den Bahnkörper und das Grundstück, noch die Anreiner. Stets eng umgeben von landwirtschaftlichen Monokulturen, werden am Bahndamm landwirtschaftliche Maschinen und Anhänger geparkt, Schutt und Steine abgekippt oder unliebsamer Müll abgeladen. Die Wegstrecke bis zum Steinbruch auf dem Gleis zurückzulegen war nicht möglich. Hier breitet sich auch die Natur seit über 10 Jahren ungehindert aus. So ging es auf Feldwegen oder am Rande der Ackerflächen zuerst zum ehemaligen Bahnhof Civry – Saint-Cloud. Der Zustand des Bahnhofes hier ist leider als sehr erbärmlich zu beschreiben. 1968 wurde der Bahnhof geschlossen und der letzte Chef de Gare (Bahnhofsvorsteher) nach Châteaudun versetzt. Züge kamen weiterhin nach Civry – Saint-Cloud, nur war der Bahnhof eben nicht mehr mit Personal besetzt. In der Folge scheint sich niemand mehr um das Bahnhofsgebäude gekümmert zu haben.

Der Bahnhof von Civry – Saint-Cloud
Das Gebäude steht nun viele Jahre leer und ist eigentlich nur noch eine Ruine.
An der Laderampe vom Güterschuppen in Civry – Saint-Cloud ließ sich sogar eine Schiene aus dem Jahr 1879 finden. Gewalzt wurde sie in St Jacq.
Über den desolaten Zustand der Bahnlinie bis zum Steinbruch kurz vor Patay will ich nicht viele Worte verlieren. Erwähnenswert ist aber diese Bahnübergang, der mit seinen Toren noch sehr an den Ausrüstungsstand der 1880er Jahre reicht. Hier scheint wirklich manchmal die Zeit stehengeblieben zu sein.
Eine weitere Erwähnung wert ist auch diese kleine Steinbogenbrücke über die „Route de Peronville„. Sie diente 1969 im französischen Kinofilm „Le Cerveau“ (dt. „Das Superhirn„) als Filmkulisse für den Überfall auf einen Postzug.
Am Steinbruch der Firma Moreau SA angekommen war zu erwarten, dass das Gleis der Strecke nun wieder besser ausschaut. Schließlich weißt die Netzkarte von 2020 die Strecke ab hier wieder für den Güterverkehr geöffnet aus. Aber weit gefehlt: Auch hier türmen sich Büsche und Sträucher teilweise meterhoch. Der Steinbruch ist noch aktiv, verschickt aber alles per Lkw.
Der neue Rekordhalter als älteste Schiene zwischen Patay und Châteaudun fällt diesem guten Stück hier zu, auch wenn sie aufrecht im Boden steckt und nicht flach am Boden liegt wie viele andere: Gewalzt in Aubin im Jahre 1873!
Im letzten Gleisbogen vor Patay ist dann wirklich fraglich, wie die SNCF noch für das Jahr 2020 behaupten kann, auf dieser Strecke Güterzüge zu fahren: Die Birken stehen hier 4 Meter hoch im Gleis!

Im Sommer 1944 explodierten im Bahnhof von Patay 15 mit Munition beladene Güterwagen. Aufgrund der großen Schäden wurde der Bahnhof abgerissen und durch einen sehr einfachen und kleineren Neubau ersetzt. Da der Personenverkehr ab 1939 eingestellt worden war, genügte ein kleineres Gebäude durchaus

1 Kommentar

  1. Ganz hervorragend, vielen Dank für deine Mühen, das Beste was ich in dieser Hinsicht von der Eisenbahnarchäologie aus Frankreich kenne. Wo hast du nur die historischen Daten her?? eInfach sagenhaft. Wenn du gestattest werde ich auf unserer Webseite einen Link anbringen. Beste Grüße Franz Hollube Museumseisenbahn Hanau

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