Bericht von unterwegs: Bessé-sur-Braye – Château-du-Loir

Der Streckenabschnitt von Château-du-Loir nach Bessé-sur-Braye ist ein kurzer Teilabschnitt der 500km langen Bahnstrecke von Chartres nach Bordeaux-Saint-Jean. Die Konzessionen wurden an mehrere Firmen vergeben, die im Laufe der Zeit teilweise in finanzielle Schwierigkeiten gerieten und vom Staat übernommen werden mussten. Die einzelnen Abschnitte gingen 1874 bis 1911 in Betrieb – Die Bauarbeiten zogen sich also über mehrere Jahrzehnte hin.

Der Streckenabschnitt von Bessé-sur-Braye nach Château-du-Loir wird durch eine am 21. April 1872 unterzeichnete Vereinbarung der Compagnie du chemin de fer de Paris à Orléans (PO) eingeräumt. Die PO erbaute die Strecke und nahm am 31. März 1879 den Verkehr auf. 1883 wurde der Streckenteil an die staatliche Eisenbahngesellschaft État abgegeben. Das Gesetz dazu wurde am 20. November 1883 genehmigt.

Da groß angelegte Erneuerungen der Strecke ausgeblieben sind, gibt es noch heute entlang der Bahnlinie viele technische und bauliche Details der 1870er Jahre zu entdecken

Die Bahnstrecke gehörte schließlich lange Zeit der staatlichen Firma État und stand in Konkurrenz zur privaten Eisenbahngesellschaft Compagnie du chemin de fer de Paris à Orléans (kurz PO), die ebenfalls eine weitere Bahnlinie von Paris nach Bordeaux (aber über Orléans, Tours, Poitiers und Angoulême) betrieb.

Ab 1939 bevorzugte die neu gegründete SNCF (zu ihr gehörten jetzt die État sowie die großen verstaatlichten Eisenbahnen) die direkte Verbindung der früheren PO. Der Verkehr auf der früheren État Strecke ging nun weiter zurück, da die SNCF auch für den Güterverkehr die Linie über Poitiers und Orleans bevorzugte. Ab den 1970er Jahren wurden nach und nach auch der Personenverkehr eingestellt. Es verblieb nur ein geringer Zugverkehr für Güter, die direkt an der Strecke ihr Start oder Ziel hatten (z.B. zur Bedienung der Getreidesilos).

Einige südliche Abschnitte der Bahnlinie sind heute zweigleisig ausgebaut und elektrifiziert. Andere Streckenteile wiederum werden nicht mehr befahren oder sind bereits stillgelegt. Ursprünglich als eine direkte Strecke nach Bordeaux geplant – und bereits vielerorts für ein zweites Gleis vorbereitet – gab es schnell bessere Verbindungen nach Bordeaux.

Von Interesse ist für mich der Abschnitt Bessé-sur-BrayeChâteau-du-Loir, der zurzeit nicht mehr befahren wird. Die aktuelle Ausgabe der Streckennetzkarte der SNCF weißt diesen Teil als nicht befahrene Linie aus. Presseberichten aus dem Jahr 2020 zu folge, möchten die umliegenden Gemeinden aus der Bahnlinie einen Radweg machen, ein sogenannter Voie Verte. Im Herbst 2020 wurde mit dem Freischnitt der Strecke begonnen. Da der Zugverkehr wohl schon seit einigen Jahren ausgesetzt war, ist die Bahnlinie bereits zugewachsen gewesen. Als zweiter Arbeitsschritt folgt der Abbau der Schienen und Holzschwellen. Mit diesen Arbeiten wurde im Mai 2021 begonnen.

Noch liegen im Mai 2021 fast überall die Schienen, aber der Abbau hat bereits begonnen

Die Abrissarbeiten der Schienen und Schwellen begannen Anfang Mai 2021 im Bahnhof von Bessé-sur-Braye. Bis hierher fuhren vor einigen Jahren noch Güterzüge. Hinter Bessé-sur-Braye ist die Bahnlinie bereits schon länger abgebaut. Die Silos der Agrargenossenschaften sind am Bahnhof Bessé-sur-Braye weithin zu erkennen. Züge fuhren in den letzten Jahren aber nicht mehr hierher. Nach dem Freischnitt der Bahnlinie im vergangenen Herbst 2020 liegt ein erster Arbeitsschritt darin, die Schienen, von den Schwellen zu lösen. Die dabei entfernten Kleineisen wie Schrauben, Unterlegeplatten und Stahlspannklemmen werde getrennt in Bigpacks abtransportiert. Als zweiter Arbeitsschritt fährt ein Bagger die Strecke entlang und „knipst“ die Schienen mit einer hydraulischen Zange in kurze Stücke. Anschließen werden Schienen und Schwellen mit Lkw abgefahren.

Auf dem Schienenweg war der Bahnhof von Bessé-sur-Braye bereits seit einigen Jahren Endstation: Das Gleis endete hier an einem Prellbock. Im Bahnhof selbst gab es mehrere Gleise. Einige hiervon wurden benötigt, um das am Bahnhof gelegene Getreidesilo mit Wagen zu versorgen. Die Bahnsteige waren auch noch zu erkennen, jedoch war der letzte Personenzug hier bereits vor 50 Jahren gefahren.

Ausblick:

Die Bauarbeiten für den Radweg werden Mitte 2022 abgeschlossen sein. Leider wird der Weg nicht für Rennradfahrer nutzbar sein, da auf dem Bahnschotter lediglich eine feine Schicht Split und Sand aufgebracht werden wird. Eine komfortable Asphaltdecke wird es leider nicht geben. Dennoch wird der Radweg auf der Bahntrasse die bessere Alternative zur Straße darstellen. Beim Bau der Bahntrasse in den 1870er Jahren wurde die Linie auf vielen Kilometern auf einen künstlichen Damm verlegt. Die erforderte eine Menge Erdbewegungen. Nicht ohne Grund entstanden rund um die Bahnstrecke viele Seen, irgendwo musste der Kies für das Fundament der Bahntrasse schließlich entnommen werden. Auch konnte so ein Hochwasserschutz für die Bahnlinie gewährt werden. Viele der kreuzenden Wege und Straßen konnten so durch mehrere Dutzend Brücken überwunden werden. Viele der Brücken sind noch heute in ihrem ursprünglichen Zustand zu anzutreffen. Die Zahl der Bahnübergänge konnte somit geringgehalten werden. Durch die ursprüngliche Planung für zwei Gleise ist der Bahndamm stets ausreichend breit genug.

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