Bericht von unterwegs: Morlaix – Roscoff

Mitte Mai 2021 wanderte ich für 2 Tage entlang der Schienen auf der 25km langen Bahnstrecke von Morlaix nach Roscoff. Die Strecke galt schon in den letzten Jahren als marode. Die Linie wurde nach dreijähriger Bauzeit schließlich 1883 eingleisig eröffnet und verband den Küstenort Roscoff mit der durch die Bretagne nach Brest verlaufende Hauptstrecke. Erste Planungen für einen Bahnbau in dieser Region gehen bis in das Jahr 1870 zurück. Noch bis in die 1980er Jahre galt die Strecke aufgrund ihres regen Güterverkehrs als eine der profitabelsten Strecken der SNCF. Der Umlauf an Güterwagen belief sich auf 500 am Tag. Transportiert wurden hauptsächlich Frühgemüse, Blumenkohl, Artischocken und Zwiebeln. In den folgenden 1980er Jahren wurde der Verkehr immer mehr auf die Straße verlagert. In den letzten Jahren war die Bahnstrecke schließlich frei von jeglichem Güterverkehr. Einige Verladerampen und Gütergleise sind bis heute sichtbare Reste dieses früher florierenden Güterverkehres. Letztlich diente die Bahnstrecke in den letzten Jahren nur noch dem Personenverkehr. Doch der fehlende Taktfahrplan und die lange Reisezeit, sorgte für eher leere Züge. So wurde weiter am Unterhalt der Strecke gespart.

Ein Kartenausschnitt aus der Netzkarte der SNCF: In der Ausgabe des Jahres 2020 ist die Linie nur noch gestrichelt eingezeichnet und damit nicht mehr betriebsbereit.

Im Jahr 2015 musste die erlaubte Geschwindigkeit der Strecke auf nur noch 40km/h gesenkt werden. Dadurch verlängerte sich die Fahrzeit von 28 auf nunmehr 47 Minuten. Letztlich waren es aber starke Regenfälle, die zu einem bis heute völligen Stillstand des Zugverkehrs führten. Am 3. Juni 2018 trat der kleine Bach La Pennélé über seine Ufer und unterspülte auf knapp 40m den Bahndamm. Dabei wurden der Boden unterhalb der Schienen völlig abgetragen und die Schienen hingen in der Luft. Die SNCF nahm dies zum Anlaß den Verkehr auf der Strecke zu beenden. Unglücklicher Weise war ein einzelner Triebwagen durch die Streckenunterbrechung nun vom noch betriebsfähigen Teil des SNCF Streckennetzes abgeschnitten. Der Zug könnte nicht auf dem Schienenweg evakuiert werden, sondern mußte mühsam auf der Straße abtransportiert werden. Von Seiten der SNCF gibt es bis heute keine Absichtserklärungen den Betrieb wiederaufzunehmen. Die Überalterung der Schienen und Schwellen würde zu hohen Kosten führen, denn auch hier wäre ein Austausch bald unvermeidbar. Seit Ende des Bahnverkehrs werden Reisende auf eine Buslinie verwiesen.

Das rund 220m lange Viaduc de la Penzé befindet sich bei Streckenkilometer 15. Das Stahldeck der Brücke ruht auf den beiden Widerlagern und drei gemauerten Pfeilern. Unterhalb des Viaduktes befinden sich in Ufernähe auf beiden Seiten ein kleiner Wanderpfad. Die Bauarbeiten begannen im Jahr 1881. Zwei Jahre später wurde das Viadukt am 10. Juni 1883 fertiggestellt. Das Stahldeck mit der Fahrbahn für die Züge liegt knapp 40m über dem Wasserspiegel. Aufgrund der Gezeiten sinkt der Wasserspiegel täglich zwei Mal merklich. Trotz regelmäßiger Wartungsarbeiten wie das Viadukt zuletzt nur noch mit einer Geschwindigkeit von 30km/h befahrbar. Da es im näheren Umkreis keine weitere Brücke über den Fluß gibt, hat sich an den Brückenköpfen ein kleiner Trampelpfad hinauf zu den Gleisen gebildet. Durch das Ausbleiben der Züge kann die Brücke nun gefahrenlos auf von den umliegenden Anwohnern als Abkürzung genutzt werden. Andere Teile der Bahnlinie waren schon 2 Jahre nach der letzten Zugfahrt weit weniger gut zugänglich.

Ab dem Bahnhof von Morlaix verlauft die Strecke auf den Schienen der Hauptstrecke in Richtung Brest. Erst nach knapp 2600m findet sich eine Weiche, ab der die Strecke nach Roscoff auf eigenen Schienen verläuft. Gleich auf den ersten Kilometern wird hier besonders deutlich, wie schnell sich die Natur hier in den vergangenen 24 Monaten ausgebreitet hat. Ausgiebig liegt die Bahnstrecke hier in einigen schattigen Gräben und Senken. Hier hält sich die Luftfeuchtigkeit besonders gut und regt die Natur zu einem schnellen Wachstum an. Manche Streckenabschnitte waren hier bereits deutlich von Dornengewächsen überwuchert.

Beim Bau der Bahnlinie wurden 6 kleinere Unterwegshalte eingerichtet. Einige hiervon waren nur kleine Haltepunkte, deren Bedienung in den vergangenen Jahren eingestellt wurde. Namentlich waren dies die Halte in Taulé, Taulé – Henvic, Henvic – Carantec (ehemals Kerrichard), Plouénan, Hippodrome de Saint-Pol-de-Léon. Letztere war eine Station, eigens für eine Pferderennbahn. Der Bahnhof Saint-Pol-de-Léon wurde noch bis zum Jahr 2018 als Unterwegshalt im Fahrplan angegeben. Am Bahnhof in Saint-Pol-de-Léon bestand bis zum Jahr 1946 die Umsteigemöglichkeit auf die rund 65 km lange Schmalspurstrecke nach Brest. Diese Kleinbahn entstand ab 1893 und erreichte zusammen mit anderen Linien ein Netzwerk von über 200km Länge. Die Schließung wurde bereits im Jahr 1939 beschlossen, verzögerte sich aber durch den zweiten Weltkrieg bis in das Jahr 1946.

Die Endstation im Küstenort Roscoff liegt direkt im Ortszentrum. In den vergangenen Jahren wurde das Bahngrundstück mehrmals verkleinert und dabei auf die Zahl der Gleise reduziert. Für den letzten verbliebenen Personenverkehr wurde scheinbar nur noch ein einziges Gleis genutzt. So manche Weiche wurde entfernt und dadurch einige Gleise für den Zug unerreichbar. Die ganze Station – seit nun knapp 2 Jahren im Dornröschenschlaf – macht einen sehr traurigen Eindruck.

Nach meiner zweitägigen Wanderung entlang der Strecke werde ich mich im kommenden Winter ausgiebig mit den Fotos beschäftigen. Zu gegebener Zeit wird es dann hier auf meinem Blog und im Forum Drehscheibe-online.de einen ausgedehnten Bildbeitrag zu dieser Streckenwanderung geben 🙂

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