Bericht von unterwegs: Saumur – Longué

Die nur noch im Güterverkehr befahrene Route von Saumur nach Longué war für mich ein weiterer Punkt meiner Rundreise. Laut der im Jahr 2020 gültigen Netzkarte war die Linie noch geöffnet. Ob dies tatsächlich auch im Jahr 2022 noch zutrifft, wollte ich mit einem Besuch vor Ort herausfinden.

Ausschnitt aus der SNCF Netzkarte, Ausgabe April 2020.

Die Bahnverbindung von Saumur nach Longue ist knapp 15km lang. Ab dem Bahnhof Vivy wird auf eine andere Bahnstrecke gewechselt:

  • Der Abschnitt SaumurVivy (8km) ist ein Teilabschnitt der alten Strecke ChartresBordeaux (gesamt 499km).
  • Der Abschnitt VivyLongué (7km) gehört zur Strecke VivyLa Fleche (gesamt 43km)

Die beiden besagten Streckenteile gingen in den Jahren 1886 und 1887 in Betrieb. Im Jahr 1940 wurde der Personenverkehr eingestellt, aber schon nach wenigen Monaten wiederaufgenommen. Erst 1970 fuhr dann erneut der letzte Personenzug, diesmal aber endgültig. In den letzten Jahren waren es nur Getreidezüge nach Vivy und Longué, die die Strecken am Leben erhielten.

Ausgangspunkt der Streckenwanderung ist der Bahnhof von Saumur.
Der Bahnhof liegt direkt an der Loire.
Am Bahnhof wohl schon länger abgestellt, steht diese Lokomotive aus den USA (1946/47 gebaut für die SNCF) zusammen mit einem Personenwagen. Beide in keinem guten Zustand.
Da ist vielleicht nicht mehr viel zu retten…

Zum Beginn der Streckenwanderung ging es für mich erst 2 Kilometer die Straße entlang. Erst am Bahnübergang in St-Lambert des Leveés würde ich die besagte Bahnstrecke das erste Mal betreten können.

In St-Lambert des Leveés wird gerade die Straße saniert.
Bahnübergang Nummer 199. Hier beginne ich meine Streckenwanderung.
Langsam erobert die Natur den Bahndamm. Von einem regelmäßigen Zugverkehr keine Spur. Das Foto wurde in Richtung Saumur aufgenommen.
Ein kleines Geländer neben dem Bahndamm macht mich stutzig. Dort Unten muss sich ein Durchlass im Bahndamm befinden.
Tatsächlich finde ich an einem eher stehenden Gewässer einen Durchlass. Scheinbar konnte hier der Wasserdurchfluss reguliert werden.
Unter der Vegetation ist eine kleine Treppe verborgen und der Zugang ist eingerahmt von zwei alten Schienen als Zaunpfähle. Wann wohl hier zuletzt die Stautore bedient wurden? Eine schöne kleine Entdeckung.
Ab Bahnübergang 199 verläuft die Bahnlinie fast 6 Kilometer ohne Kurve in Nord/Süd-Richtung. Der Bahndamm ist stets zweigleisig errichtet worden, mehr als ein Gleis wurde hier aber nie verlegt. Die verwendeten Holzschwellen sehen noch recht brauchbar aus und auch am Schotter wurde nicht gespart.
An Unterführungen für kreuzende Straßen ist der geplante – aber nie ausgeführte – Ausbau für das zweite Streckengleis gut zu erkennen. Das Stahldeck für ein eventuell zu errichtendes zweites Gleis wurde vielfach bereits eingebaut.
Als Schienen sind hier die üblichen Stuhlschienen anzutreffen. Sie stammen aber nicht aus den Jahren vom Bau der Bahnlinie sondern wurden irgendwann später eingebaut.

Während die Bahnübergänge entlang der Strecke alle betriebsbereit waren, es also nicht an Schranken oder Strom fehlte, war die Strecke scheinbar seit mindestens 2 Jahren nicht befahren worden. Unkraut und erste Brombeersträucher waren über die Gleise gewachsen. Auch mancher umgestürzte Baum war noch nicht entfernt worden, sondern blieb auf den Schienen liegen. Damit bleibt fraglich, ob hier jemals wieder ein Zug fahren wird.

Werden wir diesen Trieb noch ein paar Jahre ungestört wachsen lassen, haben wir hier bald einen Baum im Gleis stehen.

Fünf Kilometer hinter Saumur führt die Bahnstrecke bei Streckenkilometer 280,462 über die 37m lange Brücke „Pont sur l’Authion„. Der letzte Anstrich der genieteten Stahlträger erfolgte im Jahr 1986 in weißer Farbe. Leider war nirgends eine Plakette der herstellenden Firma zu finden. Die genieteten Stahlplatten lassen darauf schließen, dass die Brücke noch aus den 1880er Jahren stammt. Auch hier waren Vorkehrungen für einen zweigleisigen Ausbau getroffen worden, der jedoch nie umgesetzt wurde.

Viele der Schwellennägel stammen aus den 30er Jahren. Stahlschwellen oder Betonschwellen waren gänzlich abwesend.

Ab dem Bahnhof Vivy führt die zweigleisig geplante aber nur eingleisig gebaute Strecke nach Chartres weiter in Richtung Norden. Eine andere Strecke auf der ich meine Wanderung fortsetze, hatte hier in Vivy ihren Ausgangspunkt: Die Bahnstrecke nach La Fleche. Diese war eingleisig geplant und gebaut worden und verläuft Richtung Nordosten.

Am Bahnhof Vivy fehlt heute der Güterschuppen. Dafür entstand ein großes Getreidesilo direkt neben den Gleisanlagen. Das Bahnhofsgebäude blieb erhalten und wird heute noch im ersten Stockwerk privat bewohnt.

Der Bahnhof Vivy. Das Getreidesilo ist weithin sichtbar. Die Bedienung scheint nur sehr sporadisch zu erfolgen und in den letzten 2 Jahren wohl schon ausgesetzt worden.
Am Bahnhof Vivy liegen auf Höhe des Bahnhofsgebäudes noch heute 4 Gleise nebeneinander.

Nördlich von Vivy in einen kleinen Waldstück findet sich Bahnübergang Nummer 192.
Das Streckengleis Richtung Chartres: Hier stehen bereits Bäume im Gleis.

500m hinter dem Bahnhof von Vivy führt die Bahnstrecke nach Chartres weiter nördlich. Die andere eingleisige Bahnstrecke nach La Fleche biegt nun nach Westen ab und ich folger dieser. Den Schienen Richtung Chartres zu folgen war wegen der Vegetation nicht mehr möglich. Hier stehen schon große Bäume im Gleis und drücken die Schienen seitlich weg. Der Personenverkehr endete 1980 und der Güterverkehr irgendwann in den 1990er Jahren.

Auf dem Streckengleis Vivy – La Fleche dagegen sind noch keine Bäume zu sehen. Hier wurde zuletzt in den 2010er Jahren gefahren
Auf der nun bewanderten Strecke Vivy – La Fleche sind alte Schienen aus dem Jahr 1884 zu sehen. Offensichtlich wurden hier nie die Schienen getauscht. Eröffnet wurde die Linie im Jahr 1887.

Von Vivy aus gab es nur bis zum Jahr 1969 einen durchgehenden Personenverkehr nach La Fleche. Bereits im Jahr 1973 wurde ein Teil der Strecke stillgelegt und damit die Linie unterbrochen. Eine Streckenwanderung ist daher nur noch bis zum nächsten Bahnhof nach Longué-Jumelles möglich (knapp 7km hinter Vivy).

Blick zurück in Richtung Vivy. Die Natur erobert das Streckengleis zurück.
Nach einer Übernachtung im Wald ging es am Folgetag wieder an die Strecke. Die Vegetation der Strecke war vorab schwer einzuschätzen. Einige Abschnitte waren noch ganz gut begehbar, andere wiederum nicht mehr so gut.
Nachdem ich ab dem Bahnhof Vivy auf die Strecke nach La Fleche gewechselt habe, ist nun auch die Kilometrierung verändert. Sie beginn im Bahnhof von La Fleche bei Kilometer 0 und erreicht den Endpunkt im Bahnhof Vivy bei exakt Kilometer 44,462.
Glück gehabt: Ein altes Hufeisen gefunden!
Neben der Bahnlinie entstand später eine Autobahn. Hierdurch entfielen einige Bahnübergänge und dieser hier (Nummer 52) wurde durch eine Brücke ersetzt.
Stellenweise wurden neuere Schienen eingebaut wie diese hier aus dem Jahr 1905 (Foto), ansonsten blieb es bei den Ursprungsschienen aus den 1880er Jahren.

Die wenigen Kilometer von Vivy nach Longue zu den beiden zuletzt noch aktiven Gleisanschlüßen ist von keiner Besonderheit geprägt. Mit dem Bau der Autobahn direkt neben die Bahnstrecke, wurden einige Bahnübergänge aufgelöst. Das Streckengleis ist bereits mäßig zugewachsen. Der Abstand der Holzschwellen zu einander ist recht sportlich gewählt und es bedarf schon beherzter großer Schritte, um immer auf die Holzschwellen zu treten. Von kurzen „Tippelschritten“ kann hier keine Rede sein. Vielleicht wollte man damals so die Baukosten niedrig halten, indem man die Zahl der Schwellen reduzierte.

Beim Wechsel von Stuhlschienen auf Doppelkopfschienen musste eine entsprechend gestaltete Schienenlasche verwendet werden, wie diese hier (Foto). Deutlich ist der dickere Schienenkopf der Stuhlschiene (links) zu erkennen. Die Doppelkopfschiene (oder „rail double champignon“ am Französischen) ist wesentlich schlanker.
Gerade an Bahnübergängen wurde vermutlich viel mit Pestiziden gearbeitet. So wächst hier auch Jahre später noch nicht sehr viel.
Bahnübergang Nummer 50.

Hinter Bahnübergang Nummer 50 ist eines der beiden Getreidesilos bereits zu sehen. Ende der 80er Jahre kam ein zweites Silo hinzu, welches ebenfalls einen Gleisanschluß erhielt. Die Streckenwanderung endet hier relativ abrupt an einem Prellbock, der sich wenige 100m hinter der Weiche befinde.

Schließlich wird die Weiche erreicht über die es zu zwei verschiedenen Gleisanschlüßen geht.
Bei dieser Weiche ist das Jahr 1974 das Jahr der Herstellung.
Der Anschluß zum neueren Silo führt in diesem umzäunten Bereich. Die letzte Bedienfahrt wird etwa 10 Jahre zurückliegen.
Versucht man dem Streckengleis noch weiter in Richtung La Fleche zu folgen, so stößt man bereits wenige 100m später auf diesen Prellbock. Dahinter liegen wohl noch Gleise, aber alles ist so zugewachsen, dass hier zu Fuß kein Weiterkommen mehr möglich ist. Damit endet die recht kurze Streckenwanderung relativ unverhofft im Nirgendwo.

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